Für Uneilige: Wer bin ich?

Gute Frage, wa? Die nächste ist: Was ist die schwerste Frage der Welt? Wenn ich diese Frage in meinem Storytelling-Workshop frage, schauen mich alle ratlos an. Manche zögern etwas und schlagen vor: „Was ist der Sinn des Lebens?“ – „Nee,“ sage ich dann, „es ist die Frage: ‚Wer bin ich?'“ – Denn hierauf eine Antwort geben zu können, die für sämtliche Rollen im Leben gilt, ist das Ergebnis einer längeren Auseinandersetzung mit dem, was man vom Scheitel bis zur Sohle und von der obersten Hautschicht bis in die Tiefe seines Herzens einmal ergründet haben sollte, das muss man schon sagen. Aber wer ergründet sich heute schon noch ernsthaft selbst! Um Gottes Willen! Da käme ja am Ende noch heraus, dass ich wer besonderes bin. Also nein, nein, nein, so mutig bin ich nicht. Ich marschiere lieber mal schön im Gleichschritt durch meine Lebenslandschaften und hinterfrage lieber mal nicht so viel, schon gar nicht, wer ich überhaupt bin und wo ich hinwill im Leben –


Mööööp! So habe ich nie gedacht. Und wenn du so denkst, dann ist es Zeit, dass wir uns mal ernsthaft unterhalten. Denn hierin liegt das Unglück der Welt vergraben, das könnt ihr mir glauben. Nämlich dass sich niemand ernsthaft fragt „Wer bin ich?“ Als Kind wollte ich immer wissen, wer ich sei, denn immerhin wusste ich schon, wer ich werden wollte: Nämlich Künstlerin in Ostfriesland. Kein Witz! Und so habe ich alles Mögliche und auch Wirkliche hinterfragt. Ich war aber auch immer sehr praktisch veranlagt, also so ist es jetzt nicht. Allein: Ich kann es bis heute nicht in faktische Wahrheiten fassen, wer ich bin. Und das kann niemand. Denn obwohl ich eigentlich um Worte NIE verlegen bin, merke dir eins:

… das Eigentliche […] ist unepisch.

Robert Musil, Alfred Döblins Epos (Musils Besprechung von Döblins Epos „Manas“, erstmalig erschienen am 6.10.1927 im Berliner Tageblatt)

Ich könnte euch eine Reihe Fakten über mich nennen und sie wären alle nicht-eigentlich im Sinne von: nicht echt, nicht exakt, ziemlich kalt. Probieren wird es: Ich bin Mama, beinahe 36 Jahre alt, wohne mitten in Deutschland in einer Region, die selbst sehr genau weiß, wer sie ist – aber trotzdem nirgends richtig dazugehört –, genannt: Eichsfeld. Ich habe in Jena Literaturwissenschaft, Kunstgeschichte und Französisch studiert, war mal Stipendiatin bei der Konrad-Adenauer-Stiftung, bin da aber wieder weg, weil: Ich weiß ja, wer und was ich bin, nämlich mutig.

Warum Fakten völlig egal sind

Spätestens im 19. Jahrhundert lernte der Mensch die Wissenschaft kennen und fand den Weltzugriff doch recht passabel, den sie nach all‘ den Jahrhunderten jaja-Gott-hat-die-Welt-in-sieben-Tagen-erschaffen anbot. Da wurden hinterfragende Entdecker und Forscher nicht nur salonfähig, nein, sie wurden zu Helden, zu „Humboldt-Helden in Südamerika entdecken die Welt“, sie katalogisierten alles, was sie im Tierreich finden konnten. Und wir armen Würstchen sollen das bis heute auswendig lernen; denn wenn du den lateinischen Namen des Kalmars nicht weißt, hui, dann pfeift der Rohrstock aber auf dein Pult, sodass dir Hören und Sehen vergeht. Ja und bei „Hören und Sehen vergehen“ sind wir auch schon beim richtigen Stichwort gelandet: Das bewirken Fakten. Sie sind jetzt nicht unbedingt die Überzeugungselemente, die auf die Sinne wirken. Bitteschön, immer im Dienst der Aufklärung.

Wenn du es bis hierher geschafft hast, dann…

… hast du schon eine Menge über mich gelernt. Dann kennst du meinen einigermaßen witzigen Schreibstil, was dich zu der Annahme verleiten könnte, dass ich auch so einigermaßen witzig bin. Wenn Sprache also Identität stiftet, dann ist es die Wirklichkeit, die deine individuellen Möglichkeiten erst schafft, denn Sprache ist ja soooooo vielfältig. Wir können sprachlich alles abbilden. Das heißt, wenn du eher der unlustige Mensch bist, dann bin ich auf jeden Fall in der Lage, diese Wirklichkeit auch abzubilden und jeder weiß, wer du bist. Möglicherweise der schwarze Kaschmir-Rolli mit mit strengen Blick über den Rand der Chanel-Brille hinweg oder eben der Neon-Typ mit dem Leo-Print und dem Statement-Schmuck. Ist mir völlig egal, ich liebe Menschen aller Art, außer die vom rechten Rand der Gesellschaft, die können von mir aus selbst von dort fernbleiben, wo der Pfeffer wächst, nämlich Südamerika.

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