Vergiss‘ Kreativität und Authentizität: Individualität ist der neue, nein: ganz alte heiße Scheiß

Was wir von Rousseau lernen können? Mit Individualität in einer oberflächlichen Welt zu bestehen. Dieser Artikel ist nicht lektoriert, inhaltlich nicht ganz rund – aber vor allem eins: individuell.

Im Kopf wälze ich häufig die verschiedenen Menschen umher, mit denen ich so zu tun habe. Als Geisteswissenschaftlerin (auf englisch: HUMANITIES) tut man das sowieso, denn man kommt mit dieser Beobachtungsgabe von Menschen auf die Welt und studiert dann halt Literaturwissenschaft oder Philosophie oder sowas. Daher checke ich intuitiv, wer mir gut tut und wer nicht. Gott sei Dank werde ich so langsam erwachsen und halte Abstand von Menschen, die sich irgendwie wie ein emotionaler Trampel verhalten. Ich bin in diesem Punkt leider auch besonders resolut: Wer mich zum Beispiel auf LinkedIn einfach so markiert, nur um die Reichweite seines Posts zu erhöhen, muss schon sehr eng mit mir vernetzt sein, um nicht die ewige Ignoranz der Teresa W. zu ernten. Und weil es schon mehrmals vorgekommen ist: Nachdem ich mit Menschen einen schönen Austausch hatte, landen meine Ideen und Inhalte dann auch gern mal gern ohne weitere Nennung istgleich Würdigung auf LinkedIn als Post – oder gar als Artikel. Wenn du jemand aus meinem Netzwerk bist: Lass‘ das! Das ist echt unter aller Sau. So jung und naiv bin ich dann auch nicht mehr.

Von solchen Menschen und solchen im digitalen Raum

Ich habe für mich schon öfter festgestellt, dass es so Social-Media-Performance-Künstler gibt. Für die sind Social Media eine reine PR-Bühne: Bussi, Bussi rechts-links und dann: „Ach schöööööön, dich zu sehen!“ und das schön dann aber bitte betont lang aussprechen, ja, damit es dann noch mehr bedeutsames Gewicht bekommt. Es gibt aber auch die Leute, die betrachten Social Media als Resonanzraum, nämlich als einen Ort, wo wir aufgrund des technologischen So-Seins unsere Meinungen, Ansichten und Einsichten teilen können – und nicht nur den Bussi-Bussi-Selfie-Moment. Und dieser zweite Haufen an Menschen interessiert mich, zu denen zieht es mich hin. Interessanterweise sind das NIE Menschen, die irgendwie das fette Geld oder sonst einen Status haben. Ich glaube also, Ehrlichkeit hat definitiv mit Frust zu tun – und nicht nur mit Mut. Beziehungsweise: Je höher der Frust über diese unehrliche Welt, desto mutiger sind wir. Buy the way: Ja, kauf‘ den Weg, denn wenn wir diesen Frust verspüren und wacker bei uns bleiben, können wir auch in der Bussi-Bussi-Performance-Welt als ehrliche Menschen bestehen. Vertrau‘ also auf dein Herz! Das wissen ja sogar schon die ganzen Spiegel-Bestseller-Autoren mit romantischen Sonnenaufgängen auf dem Cover. An meine geisteswissenschaftlichen Freunde, kurzer Spoiler: Unten wird der Artikel noch etwas handfester.

JEDENFALLS: Als ich gerade sagte, dass es keine Menschen mit Status seien, die so aus tiefsten Herzen ehrlich sind: Es sind auf jeden Fall Menschen, die sich an der Welt reiben. Die viel beobachten, wahrnehmen, aufnehmen. Das sind in erster Linie Kreative, Intellektuelle, aber auch stille Beobachter, stumme Mitleser; das heißt: die Kategorisierung nach Rollen ist totaler Bullshit. Und mich interessieren Titel oder akademische Grade sowieso herzlich wenig.

So wenig wie das Alter etwas über Reife aussagt, so wenig sagen auch Titel und Herkünfte etwas über Intelligenz aus.

Teresa W. wie wer?!

Wie wir nun solche Menschen und solche erkennen: Ein Erfolgsmodell aus dem 18. Jahrhundert

Wie können wir aber die ehrlichen Menschen aus der großen Masse heraus erkennen, wahrnehmen, wertschätzen und natürlich ins persönliche Netzwerk aufnehmen, wenn es nicht nur Kreative, nicht nur Intellektuelle oder nicht nur stille Beobachter sind? Ganz einfach mithilfe einer Gemeinsamkeit, die all‘ diese Menschen haben: Individualität. Individuen sind „durch eigenes Gepräge gekennzeichnete[…] Einzelwesen„. Und ich paraphrasiere für meine Freunde der inhaltlichen Tiefe gern auch mal den Artikel „Individualismus“ aus dem Historischen Wörterbuch der Philosophie, in dem der Autor Prof. Anton Rauscher schildert, wo der Begriff herkommt (deswegen ja auch historisches Wörterbuch): Vor allem im 18. Jahrhundert in Frankreich war es total angesagt, individuell zu sein: Ist ja klar, irgendeinen Nährboden musste die Französische Revolution ja haben, denn es ist nicht unbedingt im Interesse eines absolutistischen Herrschers, das seine Untertanen irgendwie eigene Denkwege gehen. Lieber Bussi-Bussi, ne! Hach, da lacht der Hof. Daher kamen die autobiografischen Aufzeichnungen mit dem schon alles-sagenden Namen „Bekenntnisse“ von Jean-Jaques Rousseau genau richtig, die mit dem großartigen Satz losgehen:

Ich beginne ein Unternehmen, das ohne Beispiel ist und das niemand nachahmen wird. Ich will meinesgleichen einen Menschen in der ganzen Naturwahrheit zeigen, und dieser Mensch werde ich sein. Ich allein.

Jean Jaques Rousseau (große Liebe), erster Satz aus den „Bekenntnissen“, die erste Autobiografie an und für sich und überhaupt, erschienen 17hundertirgendwas

Rousseau war ja auch permanent genervt von seiner Umwelt und dem, was wir heute Mainstream nennen würden. Und so sparen die „Bekenntnisse“ aber auch gar nichts aus, schon gar nicht irgendwelche Peinlichkeiten. In diesem Sinne ist das, was Brené Brown da macht, auch nicht sooooo innovativ (dennoch wichtig, denn nicht jeder mag so alte Schinken lesen).

Rousseau wollte die „Naturwahrheit“ über alles erforschen und war dann zugegebenermaßen dann auch auf sehr seltsamen Denkpfaden unterwegs: Also Individualismus als Haltung gegen den Mainstream hat definitiv auch seine Grenzen! Das ist das, was ich meinen individuellen Freunden eigentlich auch immer beibringen will, weil es der Kern dessen ist, was ich von Goethe gelernt habe; er war wie so viele jugendliche Intellektuelle des 18. Jahrhunderts ein totaler Rousseau-Anhänger und hat aus Gründen der Naturwahrheit auch mal eine Zeitlang nur auf einem Brett geschlafen, aber irgendwann hat er dann doch erkannt, dass die Extreme irgendwie nicht so weise sind, weil du die Welt nicht dadurch veränderst, wenn du nachts auf einem Brett schläfst. Und wie natürlich alle von euch bildungsmäßig wissen, war Goethe nicht nur der einsame Dichter, sondern ein überall geschätzter Staatsmann und vor allem Forscher, vor allem Steine hatten es ihm angetan. Und Wolken. Da gab es halt noch keine Medien, die man hätte erforschen können. Die Natur war der einzige Ort, wo etwas abging, etwas, das wir heute erst wieder lernen müssen (mich eingeschlossen). Indem er aber seine Erkenntnisse mit der Masse geteilt hat, sie in Theaterstücke, Texte und Salongesprächen geteilt hat: Auf diese Weise hatten dann alle etwas davon. Und das ist der Sinn von Teilen – auch auf die heutige Social-Media-Welt übertragen.

Die Extreme oder der salonfähige Mittelweg, na was darf sein?

In Gefahr und Not, bringt der Mittelweg den Tod. Und mit diesem Satz könnte ich den ganzen Absatz hier auch schon dicht machen. Na gut, ein bisschen Schlaumeierei geht noch. Wer es bis hierher geschafft hat: Glückwunsch, du bist noch in der Lage, längere Texte zu erfassen. Und da sind wir auch schon mitten im Schmerz, mitten in der Gefahr und mitten in der Not: Die Social Media Welt ist ein so gesellschaftliches Glatteis mit so vielen Augen der Anderen, so viel gefühlter Kontrolle, Paranoia und was weiß ich, dass sie uns ernsthaft krank machen können – wenn wir nicht den Mut haben, mit unserer Individualität aufzutreten und mit unseren echten, eigenen Handlungsmotiven sichtbar zu sein. Ihr habt also die Wahl: Entweder ihr macht bei dem ganzen oberflächlichen Zirkus mit, dann aber bitte das Bussi-Bussi nicht vergessen, oder ihr nehmt euer krankes Herz ernst und seid in dem digitalen Raum als ihr selbst unterwegs. ich zum Beispiel schreibe gerne witzig-wertschätzende Kommentare, like auch mal das Bild von Tante Gabi (auch wenn es ein Grafik-Design-Unfall ist), teile Beiträge von NGO’s oder irgendwie kluge Gedanken und konsumiere vor allem kaum Influencer-Scheiß. Denn wie ihr wisst: Ich bin Sinnfluencer. Ich ziehe euch nicht das Geld aus den Taschen, sondern Ideen.

Und so kommt zum guten Ende / alles unter einen Hut / und ist das nötige Geld vorhanden / ist das Ende meistens gut!

Schlussverse der Dreigroschenoper von Bertolt Brecht

„Ich beginne ein Unternehmen“, schreibt Rousseau am Anfang seiner Memoiren – aha!, sagt dann Teresa, denn da haben wir gleich eine gedankliche Brücke hin zu den Unternehmungen der heutigen Gründer geschlagen. Ich finde also, alle Gründer:innen sollten Rousseau lesen. Und wenn ihnen 250 Jahre alte Literatur einfach einen Ticken zu alt ist, dann halt Resi. Die Inhalte sind 100 Prozent dieselben. Und ich verweise an dieser Stelle wieder auf den Umstand: Der Mensch hat alles schon einmal gewusst! ALLES! So, und jetzt Schluss mit Frust.

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